Im letzten Jahr hat das Thema Linux auf dem PC richtig an Fahrt aufgenommen: Befeuert vom Ende von Windows 10, den hohen Hardwareanforderungen von Windows 11 und den Datenschutzbedenken ist das Interesse an einem Umstieg spürbar gewachsen. Auch ich habe mich entschieden, wieder zu Linux zurückzukehren. Nach etwa einem Jahr möchte ich meine Erfahrungen teilen, was unter Linux gut funktioniert, und wo es noch ausbaufähig ist.
Motivation für den Wechsel
Wie bereits eingangs kurz angerissen, gibt es viele gute Gründe, die für einen Umstieg auf Linux sprechen. Noch kann man Computer mit Windows 10 sicher mit dem ESU-Programm betreiben, doch das wird voraussichtlich zum 13.10.2026 enden. Danach werden viele PCs, welche die Voraussetzungen für Windows 11 nicht erfüllen, zu Elektroschrott. Das wäre nicht nötig, denn viele Geräte könnten immer noch die üblichen Aufgaben wie ins Internet zu gehen, sowie Textdokumente und E-Mails zu schreiben bestens erfüllen, auch wenn sie etwas mehr Geduld dabei beanspruchen. Mit Linux können insbesondere alte und träge Geräte wieder zu neuem Leben erwachen und deutlich schneller laufen.
Dann wären da noch die Datenschutzbedenken: Spätestens seit Windows 10 sammelt Microsoft umfangreiche Telemetriedaten. Bereits kurz nach der Veröffentlichung wurden allerlei Lösungen entwickelt, aber eben auch einige PCs auf Linux umgestellt. Auch Windows 11 bringt da keine Besserung, ganz im Gegenteil: Während der Copilot Einzug in Microsofts Ökosystem hält, nimmt die Recall-Funktion ständig Screenshots auf, was ein Datenschutzalbtraum ist und im Internet und den Medien für Aufschrei sorgte. Die Situation sieht unter Linux ganz anders aus, es werden grundsätzlich weniger Telemetriedaten gesammelt, man kann dies aber auch von Beginn an vollständig deaktivieren.
Ich selbst hatte bereits in der Vergangenheit mit Linux Erfahrungen gesammelt, angefangen mit dem Raspberry Pi über Linux-Server bis hin zu vorübergehenden Installationen auf meinen PCs. In der Vergangenheit hatten mich jedoch früher oder später Kleinigkeiten wieder zurück zu Windows bewegt. Mittlerweile lege ich größeren Wert auf Datenschutz und möchte unabhängiger vom Microsoft-Ökosystem und US-Diensten im Allgemeinen werden. Viele der Microsoft-Programme und Dienstleistungen wie Office und OneDrive habe ich durch quelloffene, kostenfreie Programme bzw. andere Dienste ersetzt. Daher gibt es weniger Gründe, die mich von Linux abhalten, weshalb ich trotz Windows 11-kompatibler PCs nun zumindest den teilweisen Wechsel auf Linux vollzogen habe.
Distributionen
Bevor man sich in die Linux-Welt stürzt, muss man wissen, dass Linux strenggenommen nur der „Kern“ des Betriebssystems ist, das man später verwendet, es gibt also nicht „das eine Linux“ wie es praktisch bei Windows ist, wo es lediglich verschiedene Versionen gibt. Stattdessen muss man sich erst einmal mit den Distributionen auseinandersetzen, die alle unterschiedliche Zielgruppen und verschiedene Benutzeroberflächen haben. Diese große Auswahl kann für Einsteiger überwältigend sein, weshalb ich hier auch gleich einige Empfehlungen liefere:
- Ein hervorragender Allrounder ist Ubuntu, das von Anfängern wie Profis gleichermaßen eingesetzt wird, allerdings auch einige Umgewöhnung in der Bedienung gegenüber Windows erfordert.
- Linux Mint ist dank seiner Windows-ähnlichen Benutzeroberfläche besonders für Einsteiger empfehlenswert.
- Auf meinen Servern nutze ich gerne Debian, das sich auch für den Desktop eignet und etwas flexibler ist, allerdings richtet es sich an fortgeschrittene Nutzer.
Als Anfänger sollte man am besten die zwei erstgenannten Linux-Distributionen ausprobieren, da diese besonders benutzerfreundlich sind und über eine große Nutzerbasis verfügen, die einem bei Bedarf weiterhelfen kann.
Ich selbst nutze auf meinem PC Debian und auf meinem Notebook Ubuntu (das tendenziell weniger Bastelei erfordert). In diesem Artikel beschränke ich mich allerdings auf Ubuntu, da es für Umsteiger geeigneter ist.
Ausprobieren und installieren
Vor der eigentlichen Installation kann man sich einen ersten Eindruck von einer Auswahl an Distributionen verschaffen, indem man sie online auf distrosea.com ausprobiert.
Hat man sich für eine entschieden, muss man üblicherweise nur das Installationsabbild herunterladen, auf einen USB-Stick übertragen und dann von diesem booten. Die meisten Projekte haben sehr gute eigene Anleitungen zum genauen Ablauf, auf die ich an dieser Stelle verweise. Die von Ubuntu findet sich zum Beispiel hier, die von Linux Mint hier. Bevor man an seinem PC etwas verändert, sollte man wie immer eine Sicherung der eigenen Daten anlegen.
Die meisten Linux-Distributionen bieten ihr Installationsabbild als Live Image an, wodurch es möglich ist, das Betriebssystem ohne Installation direkt auf der eigenen Hardware auszuprobieren. Meistens startet man direkt in diese Umgebung. Diese Gelegenheit sollte man unbedingt nutzen, um beispielsweise Hardware wie WLAN- und Bluetoothmodule sowie Maus und Tastatur oder USB-Geräte auszuprobieren. So lässt sich sicherstellen, dass die Hardware des eigenen PCs auch wirklich unterstützt wird, und man nicht nach erfolgreicher Installation schließlich zum Beispiel keine WLAN-Verbindung mehr herstellen kann.
Bei der eigentlichen Installation hat man in der Regel die Wahl, das bisherige Betriebssystem (meistens Windows) zu ersetzen, oder Linux parallel zu einem bestehenden zu installieren (Dual- bzw. Multi-Boot). Dann hat man beim Starten des PCs die Wahl zwischen den installierten Betriebssystemen und kann die Vorteile aller ausschöpfen. Ich habe mich für letzteres entschieden, denn so ganz kann ich Windows leider doch (noch) nicht aufgeben, wie ich später noch erläutern werde.
Benutzeroberfläche
Ein wichtiges Merkmal einer Distribution ist ihre Desktopumgebung, diese stellt schließlich die eigentliche Benutzeroberfläche des Betriebssystems zur Verfügung. Viele Distributionen bieten in Form von „Flavours“ verschiedene Desktopumgebungen an, der Standard ist oft Gnome, wie im Fall von Ubuntu.
Ich persönlich bevorzuge Gnome, weil es minimalistisch und modern aussieht. Im Gnome-Projekt finden sich außerdem viele allgemeine Anwendungen des Alltags, welche die native Benutzeroberfläche verwenden und sich somit nahtlos in die Optik des Betriebssystems integrieren. Das erspart einem zumindest teilweise den hässlichen Flickenteppich unterschiedlichster Designs, den man von Windows kennt.
Eine starke Alternative ist KDE, das standardmäßig eher eine von Windows bekannte Bedienung (Taskleiste am unteren Bildschirmrand, Startmenü) bietet als Gnome. Es ist tendenziell ressourcensparender, bietet gleichzeitig aber dennoch mehr Anpassungsmöglichkeiten. Sogar täuschend echt wirkende Windows-Nachbauten sind damit möglich. Auch das eigene Programmökosystem ist sehr umfangreich und bietet ebenso wie die Anwendungen des Gnome-Projekts ein einheitliches Design. Das Design finde ich persönlich etwas angestaubt, allerdings ist es dennoch in Form von beispielsweise Kubuntu einen Blick wert.
Im Großen und Ganzen ist der Funktionsumfang beider Desktopumgebungen mit dem von Windows vergleichbar. Manche Funktionen könnten besser umgesetzt sein, wie zum Beispiel die Netzwerkfreigabe unter Gnome, andere können nur durch Drittsoftware grafisch erledigt werden, etwa die Aufgabenplanung (was allerdings auch eher speziellere Anwendungen sind).
Reparaturwerkzeuge wie Systemwiederherstellungspunkte und ein Wiederherstellungssystem fehlen vollständig, was eine Wiederherstellung im Falle eines Systemfehlers deutlich erschwert. Oft bedeutet ein Fehler aufwändiges Recherchieren im Internet und setzt den Einsatz des Terminals voraus. Das sorgt auch dafür, dass Linux auf dem Desktop nicht so robust und zuverlässig wie Windows ist, das viele Schutzmechanismen mitbringt.
Es gibt aber auch viele Funktionen, die unter Linux ganz normal sind, aber unter Windows erst nachinstalliert werden müssen, beispielsweise das Schreiben von ISOs oder das Einhängen von SSH-Netzwerkfreigaben, was ich im Alltag äußerst praktisch finde.
Software
Ähnlich wie bei der Hardware ist auch nicht jede Software für Linux verfügbar. Dazu zählt vor allem kommerzielle Software. Die großen Webbrowser sind allesamt für Linux verfügbar, dazu zählt amüsanterweise auch Microsoft Edge. Auch der VLC-Player sowie Spotify bieten native Linux-Ausgaben an.
Doch wer Microsoft Office installieren möchte, wird leider enttäuscht werden. Theoretisch könnte man mithilfe der Kompatibilitätsschicht Wine versuchen, die Office-Suite auf Linux auszuführen, allerdings ist dies überhaupt nicht einfach einzurichten. Erschwerend kommt hinzu, dass Microsoft Office derart tief im Windows-Betriebssystem verwurzelt ist, dass ein zuverlässiger Betrieb einer halbwegs aktuellen Version praktisch nicht möglich ist. Auch viele andere professionelle Anwendungen wie Adobe Photoshop bieten keine native Linux-Version an.
Zu vielen kostenpflichtigen Programmen gibt es allerdings gute kostenfreie und quelloffene Alternativen. Eine der bekanntesten Alternativen zu Microsoft Office ist LibreOffice. Viele sehen es als kompliziert und umständlich an, ich selbst habe mich allerdings nach einigen geschriebenen Dokumenten gut eingefunden und bevorzuge es mittlerweile sogar. Als Ersatz für (das klassische) Outlook, das sowieso nur mit Exchange-Postfächern ordentlich funktioniert, nutze ich Mozilla Thunderbird, das nebenbei auch wunderbar mit CalDAV-Kalendern und CardDAV-Kontakten arbeitet, was mir bei Outlook sehr fehlt.
Mehr Alternativen musste ich nicht suchen: Visual Studio Code funktioniert unter Linux genauso gut wie unter Windows, die SDKs beziehungsweise Laufzeitumgebungen ebenfalls. Das verwundert auch nicht, schließlich erfreut sich Linux besonders bei Entwicklern großer Popularität. Auch mein Passwortmanager KeePassXC läuft einwandfrei.
Tatsächlich habe ich sogar einige Linux-exklusive Programme gefunden, die mir besser als das gefallen, was man für Windows findet. Zum Beispiel finde ich Newsflash besser als alle anderen RSS-Feedreader, die ich bisher ausprobiert habe. Mit Shortwave gibt es ein sehr schönes Desktop-Radio. Und als minimalistischen Markdown-Editor empfiehlt sich Apostrophe.
Doch viele PC-Nutzer brauchen so viele Programme heutzutage gar nicht mehr, sondern öffnen nach dem Systemstart einfach direkt ihren Webbrowser, um damit beispielsweise ihre E-Mails zu lesen, ein Dokument zu schreiben oder auch ihre Dateien (in der Cloud) zu verwalten. Filme sowie Serien sehen die meisten auf Netflix und dergleichen, statt auf DVD und Blu-ray. Und die sozialen Medien ruft man ebenso (auf dem PC) über ihre Webseite auf. Webbrowser haben sich also praktisch zum „Betriebssystem im Betriebssystem“ entwickelt. Und weil sie sowohl auf Windows als auch auf Linux gleichermaßen verfügbar sind, dürfte es für viele Nutzer ziemlich egal sein, welches Betriebssystem zum Einsatz kommt.
Wer also praktisch nur einen Webbrowser benötigt, der wird einen Wechsel auf Linux abseits vom schnelleren System und weniger Ablenkungen kaum bemerken. Wer darüber hinaus andere Programme nutzt, sollte vor einem Umstieg erst prüfen, ob sie überhaupt auch für Linux angeboten werden. Sollte das nicht der Fall sein, kann man sich auch nach gleichwertigen Alternativen umsehen und diese vorab auf Windows prüfen.
Spiele
Bei PC-Spielen ist die Situation deutlich besser als bei Programmen im Allgemeinen. Dank Valves Proton-Kompatibilitätsschicht lassen sich die häufig nur für Windows entwickelten Spiele problemlos auch auf Linux-PCs spielen. Den Beleg dafür, dass diese Lösung gut funktioniert, liefert das Steam Deck, wo sie ebenfalls zum Einsatz kommt.
Vor einem Umstieg ist es auch hier empfehlenswert zu prüfen, welche Spiele gut auf Linux laufen. Dafür bietet sich protondb.com an, wo Nutzer ihre Erfahrungen mit den jeweiligen Spielen teilen. In meinem Fall sind nur 2 % meiner Spielbibliothek als „Borked“, also als nicht spielbar gelistet, praktisch alle anderen können problemlos ohne weitere Basteleien gespielt werden. Die meisten Spiele, die unter Linux nicht gespielt werden können, blockieren Linux über ihr Anti-Cheat-Programm, es liegt also nicht einmal eine Inkompatibilität vor. Die Entwickler begründen das damit, dass so Betrüger ausgeschlossen würden; Belege für die Wirksamkeit dieser Maßnahme gibt es aber nicht. Wer also Spiele mit Multiplayerkomponente spielen möchte, ist häufig gezwungen, auf Windows oder eine Konsole zurückzugreifen.
In Sachen Performance kann Proton überzeugen: Ein per Proton laufendes Windows-Spiel ist meistens nur wenige Prozent langsamer als es nativ auf Windows ist, der Performanceverlust fällt also kaum auf. Auf schwacher Hardware kann sich dies wohl sogar drehen, sodass ein Windows-Spiel unter Linux eine bessere Performance erreicht, allerdings habe ich das nicht ausprobiert, sondern nur gelesen. Hier dürfte sich der Wegfall der vielen Windows-Hintergrundprozesse positiv auswirken, während ein besserer Prozessor diese einfach auf einen anderen Kern auslagert.
Auch Spiele können unter Linux viel Spaß machen, solange man keine Online-Spiele spielt. In meinem Fall waren es aber eben genau diese Spiele, die mich dazu gezwungen haben, eine Windows-Installation zu behalten. Das bedeutete, dass ich ständig neu starten musste, um zwischen Linux und Windows zu wechseln. Als ich dann auch noch nach dem Einbau einer neuen Grafikkarte Performanceprobleme hatte, entschied ich mich, meine Spielebibliothek wieder ganz auf Windows umzuziehen. Sollte dieses Problem aber mit einer zukünftigen Linux-Version behoben werden, könnte ich mir einen Umzug zurück gut vorstellen.
Fazit
Linux ist mehr denn je eine spannende Alternative zum allgegenwärtigen Platzhirsch Windows. Besonders wer ein altes Gerät weiterverwenden möchte oder mehr Freiheit in der Anpassung seines Systems wünscht, kann viel Freude mit Linux haben. Ebenfalls eine hervorragende Wahl ist es für Benutzer, die großen Wert auf Datenschutz und Privatsphäre legen. Auch diejenigen, die auf ihrem PC Spiele (ohne Anti-Cheat) genießen möchten, können das mittlerweile sehr gut auf dem freien Betriebssystem.
Verbesserungspotenzial gibt es aber dennoch, vor allem für durchschnittliche Nutzer, die nicht nur im Webbrowser arbeiten, sondern auch native Anwendungen verwenden. Hier kommt es noch zu oft zu kleineren Problemen, die sich leider schnell summieren und die Erfahrung beeinträchtigen können. Auch heute noch kommt man nicht ganz um das Terminal herum, etwa wenn man den Flatpak-Paketmanager installieren möchte (das ist ein modernes Paketformat für Programme unter Linux). Das sollte man dem Durchschnittsanwender einfach nicht zumuten.
Dennoch bin ich davon überzeugt, dass Linux sich in Sachen Benutzerfreundlichkeit weiterhin verbessert und es für immer mehr Anwender eine echte Option wird. Auch heute noch wandern Anwendungen stetig ins Internet oder werden als Electron-Anwendung entwickelt (man mag von beidem halten was man will), wodurch der größte Vorteil von Windows stetig dahinschmilzt: das eigene Ökosystem. Microsoft tut selbst nicht viel dafür, schließlich nutzen nicht einmal die eigenen Entwickler die eigenen Werkzeuge zur Entwicklung für Windows, sondern setzen ebenfalls gerne auf Electron und WebViews.
Man darf also weiterhin gespannt bleiben, wie sich Linux auf dem Desktop entwickeln wird und ob es in den nächsten Jahren tatsächlich größere Aufmerksamkeit erlangt, oder ob es nach dem endgültigen Ende von Windows 10 erst einmal wieder ruhiger um das Betriebssystem wird.
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